FIW M√ľnchen - FIW news

Ausgabe Nr. 1, April 2012

 
 
 Interview
 

"Das FIW bringt sich bei der praktischen Umsetzung der Energieeffizienz innovativ ein"

Dr. Marcel Huber im Interview mit dem FIW

FIW news: Die Bayerische Staatsregierung hat 2011 das Energiekonzept „Energie innovativ“ beschlossen. Als sehr bedeutende Herausforderung wird darin die effiziente Verwendung von Wärme im Gebäudebereich identifiziert. Ziel ist u.a. die energetische Gebäudesanierungsquote in den nächsten Jahren zu verdoppeln. Mit welchen unterstützenden Maßnahmen will die Bayerische Staatsregierung dieses Ziel erreichen?

Staatsminister Dr. Huber: Die Bayerische Staatsregierung unternimmt viel zur erfolgreichen Umsetzung der Ziele des Energiekonzepts. Es gibt hervorragende Leitfäden und auch das Internetportal Energie-Atlas Bayern bietet kostenlos eine Fülle von Informationen zum Energieverbrauch. Mit dem Förderschwerpunkt CO2-Minderungsprogramm unterstützt das StMUG außerdem Kommunen und andere Körperschaften des öffentlichen Rechts (z. B. Kirchen) bei der Durchführung von Maßnahmen zur energetischen Optimierung von Liegenschaften. Voraussetzung für einen Erfolg ist, dass wir alles tun, um Energie einzusparen. Nur so ist das Abschalten der CO2-freien Kernkraft mit unserem obersten Klimaziel, der Reduktion des CO2-Ausstoßes, in Einklang zu bringen. Nur mit konsequentem Energiesparen wird es möglich sein, die Klimaziele zu erreichen. Den CO2-Einspareffekt erreichen wir ganz wesentlich dadurch, dass wir die Energieerzeugung, vor allem im Wärmebereich reduzieren. Rund 40 % des Energieverbrauchs entfallen auf Raumheizung und Warmwasserbereitung. Hier liegt das größte Potenzial an Energieeinsparung insgesamt. Ziel Bayerns ist es, in den kommenden 10 Jahren den Wärmebedarf in öffentlichen, privaten und gewerblichen Gebäuden um 20 Prozent und den Prozesswärmeverbrauch produktivitätsbereinigt in Industrie und Gewerbe um 15 Prozent zu reduzieren.

FIW news: Die im letzten Jahr von der Bundesregierung beschlossene Energiewende fußt auf verschiedenen Säulen. Der Energieeffizienz wird in diesem Konzept eine große Bedeutung zugeschrieben. Dabei ist wiederum der Gebäudebereich herausragend. Die impulsgebenden Faktoren der steuerlichen Notwendigkeiten stehen allerdings derzeit in Frage. Welchen Einfluss nimmt die Bayerische Staatsregierung auf die Bemühungen im Vermittlungsausschuss, eine Einigung für die steuerliche Abschreibungsmöglichkeit zu finden?

Staatsminister Dr. Huber: Wir haben eine Art Hemmungssituation. In der Bevölkerung herrscht vielerorts Bereitschaft, selbst aktiv zu werden und Geld in die Hand zu nehmen. Aber viele sehen bei nur rein wirtschaftlicher Kalkulation einen Ertrag erst für die übernächste Generation. Die Bürger sagen, dass sie hier einen gewissen Anreiz brauchen – zu Recht. Diesen Anreiz müssen wir auf politischer Ebene schaffen. Ein erster Schritt ist hier das KfW-Gebäudesanierungsprogramm, das nach einer längeren Hängepartie jetzt realisiert ist. Ein zweiter muss die steuerliche Abschreibungsmöglichkeit sein, für die sich Bayern im Bundesrat einsetzt. Wir müssen aber noch stärker an die Lebensrealität der Menschen heranrücken. Ich halte es für sehr wichtig, dass auch Einzelmaßnahmen über das CO2-Gebäudesanierungsprogramm gefördert werden können und die Instrumente ergänzt werden um eine steuerliche Abschreibungsmöglichkeit, die dann auch eine energetische Vollsanierung im selbst genutzten Ein- und Zweifamilienhaus ermöglicht. Ich hoffe, dass wir im Vermittlungsausschuss weiterkommen.

"Der Wärmeschutztag des FIW ist für mich eine sehr attraktive Veranstaltung, weil er eine Motivation darstellt, weiter an der Energiewende mitzuarbeiten."

FIW news: Der Freistaat Bayern ist bisher bei der Erforschung der Energieeffizienz Vorreiter in Deutschland. Viele grundlegende Erkenntnisse im Bereich der energetischen Gebäudesanierung stammen von bayerischen Forschungseinrichtungen wie dem FIW. Wo sehen Sie aus Sicht der Bayerischen Staatsregierung noch Forschungsbedarf? Stellt die Bayerische Staatsregierung dafür Forschungsmittel zur Verfügung?

Staatsminister Dr. Huber: Der Bayerischen Staatsregierung ist sehr daran gelegen, auch bei technischen Entwicklungen Spitzenreiter in Deutschland zu sein. Gerade wenn es um das Thema Altbausanierung geht, sind Innovationen gefragt. Denn die große Schwierigkeit liegt ja heute nicht darin, ein Gebäude mit einem hohen Dämmwert zu bauen. Größere Herausforderungen bereiten Altbauten. Hier sind regelmäßig viele Fragen, zum Beispiel des Denkmal- oder des Brandschutzes, zu beantworten. Alle diese Dinge gehören beforscht und hier sind neben bewährten Systemen innovative Materialen ganz wichtig. Die Bayerische Staatsregierung stellt hierfür Forschungsgelder in großem Umfang bereit, wie etwa 50 Millionen Euro für den Energie-Campus Nürnberg, der sich damit beschäftigt, wie der Bestand an Altbauten mit moderner Technologie energetisch modernisiert werden kann. Für die Bayerische Staatsregierung ist es von höchstem Interesse, diesen Bereich zu unterstützen und zu fördern. Auch wenn das FIW im Gegensatz zu Universitäten keine Fördermittel der Öffentlichen Hand erhält, halte ich ein solches Forschungsinstitut für sehr wichtig, weil es sich bei der praktischen Umsetzung der Energieeffizienz im Gebäudebereich und in der Industrie innovativ mit einbringt.

FIW news: Wie schauen die Prioritäten bei der Energiewende für den Bayerischen Umweltminister konkret aus?

Staatsminister Dr. Huber: Bei der Priorisierung der Maßnahmen für eine erfolgreiche Umsetzung der Energiewende liegen die Effizienzsteigerung und die Energieeinsparung an erster Stelle. Die Gebäudedämmung steht dabei ganz weit vorne. Weitere vordringliche Maßnahmen lauten Netzausbau und -anpassung. Zu deren praktischen Erprobung fördert die Bayerische Staatsregierung mit 7 Millionen Euro das Projekt „Smart Grid City“ in Oberfranken. Dessen ganzheitliches Konzept umfasst alle relevanten Komponenten der Stromerzeugung, des -transports, der Energiespeicherung und des -verbrauchs, der dezentralen Einspeisung und der intelligenten Messtechnik. Die alles entscheidende Voraussetzung aber, dass wir mit den volatilen Energien überhaupt zurechtkommen, ist die Pufferung von deren Diskontinuität. Das bedeutet auch, einen vernünftigen Anreiz zu schaffen, um Kraftwerke vorzuhalten, die als Schattenkraftwerke bei Bedarf hochgefahren werden können. Aktuell ist es so, dass ein Gaskraftwerk nur rentabel läuft, wenn es Volllast fährt. Hier müssen Lösungen gefunden werden. Zusammengefasst lautet der Dreierschritt zum Erfolg: Erstens Energie sparen, zweitens Speichernetze schaffen und drittens regenerative Energien ausbauen.

FIW news: Sie werden dankenswerterweise den Wärmeschutztag 2012 des FIW eröffnen. Welche Erwartungen haben Sie an den Wärmeschutztag?

Staatsminister Dr. Huber: Der Wärmeschutztag des FIW ist für mich eine sehr attraktive Veranstaltung, weil er einerseits dazu dient, dass sich die Leute, die sich mit dem Thema Energieeinsparung beschäftigen, untereinander vernetzen, Neuigkeiten austauschen. Andererseits stellt er eine Motivation dar, weiter an diesem wichtigen Segment der Energiewende mitzuarbeiten. Nachdem ich im letzten Jahr bereits als Leiter der Staatskanzlei beim Wärmeschutztag gesprochen habe, freue ich mich, auch heuer dort, nun als Bayerischer Umweltminister, ein Impulsreferat halten zu können.

Dr. Marcel Huber

Dr. Marcel Huber, MdL
Bayerischer Staatsminister für Umwelt und Gesundheit
www.stmug.bayern.de
www.marcel-huber.de